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Fotos: Restaurant / S. Perrone

Hannappel

Dahlhauser Str. 173
45279 Essen (Horst)
0201-534506

aktualisiert: 07 / 2026
Mo Di Mi Do Fr Sa So
Mittags
Abends
Di-Sa ab 17.30 Uhr, So u. Mo Ruhetag
Menüs: 124-148 €

Der über Jahrzehnte etablierte Restaurantname und die für Erstbesucher überraschende Lage des Ecklokals im Stadtteil Horst, einem Arbeiterviertel mit beinahe dörflichem Charakter, sind Konstanten. Doch seit nunmehr acht Jahren ist hier Tobias Weyers als Küchenchef tätig, und seitdem sind Evolution und kulinarischer Strukturwandel Programm. Nach der vollständigen Geschäftsübernahme des Traditionslokals Anfang 2025 durch Tobias Weyers und René Silva Sampaio als Gastgeber, die mittlerweile außerdem in Bottrop auch das Casual-Restaurant Rosa betreiben und zudem das Hannappel im Juni 2026 um einen Bistro-Teil erweitert haben, begann ein weiteres neues Kapitel.

Das lässt sich im gradlinig-elegant eingerichteten Restaurant mit bequemen Stoffstühlen an blanken Holztischen durchaus an einem Wandregal mit Einmachgläsern ablesen. Gerade dieser offene Vorratsschrank bestimmt bei der modernen, gemüse- und kräuterlastigen Kreativküche oftmals das Aromenbild. Sammeln, Pickeln und Fermentieren sind hier durchaus ein Thema, aber nicht mit neu-nordischem Küchenzwang Pflicht, sondern von individueller Kür der Zweckdienlichkeit auf Tellern und in Schüsseln. Denn schließlich weiß man – gerade im Herzen des Ruhrgebiets: „entscheidend is’ auf’m Platz“.

Und so startete unser Menü unglaublich frisch und mit einer Zutat, passend zum Wandel, die nichts mit den Kleintierzuchten in Zechensiedlungen der Stahl- und Bergarbeiter tun hat: Kaninchen. Das zarte Fleisch präsentierte sich in und auf hauchdünner Knusperbasis als rohes Tatar mit Apfel und Walnuss. Diesem außergewöhnlich köstlichen Lokalkolorit folgte ein anderer Verweis und zugleich Fingerzeig, nämlich mit dem Fischbrötchen „portugiesisch“, einer Tartelette mit Pulpo, Gurke, Zitrusabrieb und Senfkörnen und dem Orangenduft eines frischen, leichten Sommerparfüms – schließlich hat Sampaio portugiesische Wurzeln. Den Abschluss machte eine Croustade mit gebeizter deutscher Zucht-Garnele und Parmesanespuma, die warmaromatisch und vollmundig, zugleich zart und ultraleicht wie ein Styroporflieger gelang.

Noch prägnanter demonstrierte die Akzentverschiebung zu verstärkter Zutatenfokussierung in einen portugiesisch-mediterranen Zielbereich der erste Gang um Schwerfisch. Der Raubfisch kam kreisförmig angerichtet als Carpaccio von dessen Bauchfleisch auf den Teller, darauf bauten sich formgetreu Guanciale und Carabinero-Gel auf, getoppt von einer Tartelette mit Schwertfisch, Melone und Kaviar. Zu Kräutern und Piment d’Espelette-Noten addierte ein Sud aus klarer Tomate und dem geräucherten Schwarztee Lapsang Souchong vertiefende Frische. Ein Gericht, das Assoziationen an eine salzige Brise am Hafenbecken in der Mittagssonne weckte.

Mit weiter gesteigerter aromatischer Substanz und schon klassischer anmutender Eleganz trumpfte danach sieben Tage gereifter Wolfbarsch als Tranche nebst Füllung mit der pikant-würzigen kalabrischen Streichsalami 'Nduja und knusprigster Haut auf. Mit Artischocke, Kartoffel-Mayonnaise, einer mit Chablis aromatisierten Beurre blanc und Gel von Bergamotte blieb es gleichsam puristisch, doch mit einer süffigen Aussage auf den Punkt – nämlich auf den festen, zugleich saftigen, und durch die Trockenreifung aromatisch intensivierten Fisch.

Nach einem cremig-schlotzigen (Hollandaise aus Wagyu-Fett, Räucheraal, Maiscreme-Fundament…) und definierten (geröstete Mandeln, Säurestruktur…) Zwischenhgang um hauchdünn aufgeschnittene Kräuterseitlinge und fermentierte Pfifferlinge mit Rauchnoten und einer Salzigkeit an der der Wohlfühlgrenze, folgte ein wohldosiert kräftiges Kalbsbries. Der Thymus des Kalbs lag hier wie ein Wiener Schnitzel ausgebacken und mit Lauchstroh gekrönt auf Blattspinat, umspült von der leichten Pikanterie eines Chorizoschaums. Punktuell setzten getrocknete Himbeeren Säure-Highlights und eine mayonnaiseähnlich verteilte Meerrettichcreme wartete mit ätherischen Schärfeakzenten auf. Wunderbar korrespondierte dazu mit seiner dezenten Fruchtsüße im Rahmen der alkoholfreien Getränkebegleitung ein Drink aus eingelegter gerösteter Cantaloupe-Melone, Grüntee, Holunderblütensirup und geröstetem Sesamöl.

Erst einmal fanden wir es sehr schön, dass mit dem finalen herzhaften Gericht als Hauptprodukt die in der Top-Gastronomie mittlerweile selten gewordene Wachtel serviert wurde. Dann überzeugte hier zu deren saftig gegrillter Brust aber auch die Komposition selbst, die sich aus Morchelragout und Grünspargel sowie Spargelgel und einer zwar intensiven, aber von Pimentoschaum belüfteten Madeira-Jus zusammensetzte. Ein zwischen substanziell tiefem Moll und fröhlichem Dur ohne milderndes Sahne-Adagio angelegtes Gericht. Und wie es sich für ein junges, modernes Restaurant gehört, gab es die zugehörige gegrillte Keule samt Kralle als kleine optische Provokation separat dazu.

Großes Lob gebührt auch Patissière Laura Polaczek. Zunächst für ein erfrischendes Pré-Dessert rund um drei grüne Erdbeeren mit Joghurt, einem mit Kaffir-Limettenblatt aromatisierten Aloe-Vera-Sud, finalisiert mit dem Abrieb schwarzer Limette, das sich zugleich andersartig und sehr zugänglich präsentierte. Aber auch für ein federleichtes, gleichsam aromatisch expressives Hauptdessert rund um einen Ring aus Salbeicreme in einem mit Salbeiöl aromatisierten Orangensud, Eis von Vanille und Olivenöl sowie knusprigem Hippen-Geäst. Und weil sowohl die herzhaften Gerichte als auch die Desserts grundsätzlich sehr wohlproportioniert und leicht daherkommen, konnten wir auch bei den wunderbaren Petits Fours – Pastel de Nata, Bayerisch Creme, Schokostange mit Lapsang-Souchong-Füllung, Mango-Vanille-Creme mit Mangokern – mit der gleichen Esslust hinlangen.

Eine gereifte Küchenleistung, die jetzt reif für 9 Pfannen ist! Das, was uns bei unseren vergangenen Besuchen gefiel, ist weiterhin da, es wird nur – ein wenig in sich ruhend, ein wenig erwachsener, ein wenig zutatenfokussierter – begeisternd um einen ungekünstelten roten Faden ergänzt. So erlebten wir Weyers’ Küche als modern, klar und aromatisch pointiert, ohne überlaute Effekthascherei, aber mit fein austarierter Verbindung aus Frische, Tiefe und Eleganz. Weiterhin prägen Gemüse, Kräuter, Fermentation, Vinaigretten und leichte Essenzen die sowohl aufregenden und dynamischen, aufgrund klassischer Komponenten wie Madeirajus oder Beurre blanc aber auch sehr runden und harmonischen Geschmacksbilder.

Dass sich die portugiesischen Wurzeln von René Silva Sampaio auch in seiner Weinkarte und vor allem der hier unbedingt empfehlenswerten Weinbegleitung niederschlagen, überrascht nicht. Passen doch Weine abseits des Mainstreams, die mehr von Struktur und Mineralität leben, wunderbar zur Tiefe und Komplexität der Speisen. Seit jeher besonders bemerkenswert ist im Hannappel aber auch die alkoholfreie Begleitung von großer Eigenständigkeit, die sich wie Elastan einer Radlerhose ans Bein hier an das jeweilige Gericht anschmiegt – und zugleich spannungsgeladene Reibung bietet. So sorgte ein Getränk aus getrockneten Steinpilzen, Banane, Tee, Ahornsirup und Tonkabohne zum Pilzgang für Tiefenschärfe oder lieferte die bereits erwähnte Begleitung zum Kalbsbries den missing link „Süße“.

Um die Pins anklicken zu können, müssen Sie den Zielort näher heranzoomen.



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