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Fotos: EssZimmer

EssZimmer

Am Olympiapark 1 (BMW Welt München)
80809 München
089-358991814

aktualisiert: 06 / 2020
Mo Di Mi Do Fr Sa So
Mittags
Abends
Di-Sa ab 19 Uhr, So u. Mo Ruhetag
Menüs: 150-195 €

Bobby Bräuers Esszimmer ist mit Sicherheit eines der prunkvollsten Restaurants des Landes. Architektonisch spektakulär hängt der verglaste Gastraum wie ein Krähennest unter dem Dach der BMW-Welt und bietet seinen Gästen Ausblick über den Showroom und den Hauptsitz des Autobauers sowie über einen Teil der bayerischen Landeshauptstadt. Überraschend gemütlich ist es hier oben, was nicht selbstverständlich ist, wenn man den futuristisch verchromten Stil des Gebäudes kennt. Das ist zum einen der wohnlichen Einrichtung zu verdanken, aber nicht zuletzt auch dem charmanten Service um Maître und Sommelier Frank Glüer, der uns hier stets sehr souverän mit Fachwissen und Witz durch den Abend führt.

Den Anfang macht beispielsweise ein sehr guter Winzer-Champagner vom kleinen Familienbetrieb Pouillon. Auch die dazu gereichten Apéro-Snacks können auf Anhieb überzeugen: Am besten gefällt uns ein herrlich klares und reintöniges Petersiliensüppchen und ein „Carbonara-Chip“ mit pochiertem Wachtelei, Käsecreme und gekochtem Schinken, der von spannenden Texturen und punktgenauem Abschmecken lebt.

Für den ersten Gang hat Bobby Bräuers Team eine Foie Gras-Mousse in Trüffelform gebracht und mit Krümeln des Edelpilzes aus dem Périgord ummantelt. Begleitet wird der Leber-Trüffel von Haselnüssen – geröstet, als Creme und als Nougat – sowie von Champignons und ein paar Blättern Frisée. Ein handwerklich erstklassiger Gang, der mit noch weniger Süße und mehr Bittersalaten womöglich sogar noch einen Zahn zulegen könnte.

Weiter geht es mit Skrei von den Lofoten nebst Mairübchen, wildem Spargel und der exotisch-pikanten Würze von Anapurna-Curry. Was hier in einem ersten kurzen Moment etwas plump wirkt, entpuppt sich dann schnell als äußerst komplexes und fein ausbalanciertes Geschmacksbild. Die Schärfe des Currys, die deutlichen Röstaromen des gegrillten Spargels sowie die knackige und typischerweise zart kohlige Mairübe: alles greift perfekt ineinander und schmeckt dann doch erfrischend neu und ungeahnt fein.

Noch besser ist der darauffolgende Fischgang mit Saint-Pierre, Belugalinse, Estragon, Fenchel und Taggiasca-Olive. Der Fisch ist von hervorragender Qualität, bissfest und schneeweiß. Die exzellente, schaumige und fast schon medizinal-kräutrige Estragonsauce gibt dem Ganzen Tiefe und Süffigkeit und die dezent eingesetzten Oliven sorgen für ätherische Würze. Der unscheinbare Clou sind hier aber die Linsen, die „al dente“ gegart wunderbar nussig schmecken und so auch für reizvollen Biss sorgen. Großartig!

Der Hauptgang schließlich rückt einen für die Spitzengastronomie raren Protagonisten in den Mittelpunkt: die Kalbshaxe. Das Stück Fleisch ist perfekt irgendwo zwischen zart und bissfest gegart und bringt viel tierischen Eigengeschmack auf den Teller. Dazu liiert das Team lediglich eine sehr gute Jus, ein paar kleine Pfifferlinge und eine Art Hachis Parmentier mit Kalbskopf. In dem Ambiente eines modernen Spitzenrestaurants mutet dieser Gang fast schon provokant an, da er mit Aromen spielt, die denen aus der rustikalen Wirtshausküche gar nicht so fern sind. Aber natürlich ist hier alles sehr viel feiner gearbeitet und solch eine Fleischqualität wird man im Wirtshaus vergeblich suchen. Optimierte Rustikalität par excellence! 

Die Weinkarte des Esszimmers ist reich bestückt und bietet sowohl Klassiker – die richtigen und nicht die protzigen wohlgemerkt! – wie Jacques Selosse oder Armand Rousseau, als auch die Gewächse aufstrebender dynamischer Winzer wie Eva Fricke oder Pierre Amiot. Den Saint-Pierre beispielsweise begleitet ein Sauvignon Blanc Zieregg vom Weingut Tement.

Der Käsegang mit Blue Stilton, Aprikose, Mandel und Vintage Port sagt uns ebenfalls zu, besonders deshalb, weil er nicht zu sehr ins Süßliche tendiert und weil qualitativ sehr guter Blauschimmelkäse zum Einsatz kommt. Das zweite Dessert aus Dattel, Pistazie, Orangenblüte und Kakaobohne kommt zwar deutlich verspielter als der Käsegang daher, begeistert aber mit einem feinen Wechselspiel zwischen floralen und gewürzigen Aromen, zwischen samtigem Datteleis und röschem Pistaziengebäck. Genial präsentiert sich dazu eine 1985er Trockenbeerenauslese vom Weingut Frey, die auch nach 35 Jahren noch straff und saftig im Glas steht.

Im Esszimmer gelingen an diesem Abend gleich mehrere Spagate. Die Architektur ist pompös und die Stimmung doch so heimelig. Die Gerichte sind aufregend und dabei vollkommen unaufgeregt. Sie sind erfrischend modern und doch versucht hier niemand das Rad neu zu erfinden. Das überlassen Bobby Bräuer und sein Team dann nämlich ganz entspannt den Automobil-Kollegen einige Stockwerke weiter unten.



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