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| Täglich von 12-15 Uhr u. ab 18 Uhr, kein Ruhetag |
| Hauptgerichte: 31-51 €, Menüs: 99-135 € |
Die gastronomische Landschaft Berlins ist nicht arm an literarischen Bezügen – beginnend an der Spitze mit dem Horváth, gefolgt vom Jolesch und der Joseph-Roth-Diele und noch lange nicht endend bei der Brasserie Colette gleich hinter dem KaDeWe. Hier, in Tim Raues Interpretation einer zeitgemäßen französischen Alltagsgastronomie (inzwischen im 10. Jahr, mit Dependancen in München und Konstanz), zeigt schon das Interieur, wo’s kulinarisch langgeht: Marmortischchen, Thonet-Stühle, Fliesenmosaik auf dem Boden, halbhohe Gardinen. Das alles freilich ohne jeden klebrigen Kitsch, Musette und Baskenmütze sucht man vergeblich.
Stattdessen kommen gutes Sauerteigbrot, hausgemachte Salzbutter und Cornichons auf den Tisch – und alle Klassiker, die die französische Bistrokarte zum Sehnsuchtsobjekt der allermeisten Genussmenschen machen: Austern roh und gratiniert, Artischocke mit gleich drei Dips, Rindertatar mit Kaviar (Imperial), Zwiebelsuppe, Zander auf Sauerkraut, Lammstelze auf Linsen, getrüffeltes Rinderfilet Wellington mit Portweinjus. Das Ganze natürlich mit einem Raue-typischen Twist: Dem Sauerkraut zum Zander verleiht Ananas Süße, dem Lamm Purple Curry und Hibiskus Charakter, Pulpo wird mit Kalbskopf und Béarnaise kombiniert.
Das gelingt zumeist alles sehr erfreulich, gelegentlich für unseren Geschmack vielleicht ein wenig zu avantgardistisch, wenn eine „Pâté de canard à l’orange“ als Nachbau einer Entenbrust serviert wird: im Zentrum eine schön grobe und doch leichte Farce mit Pistazien und von kräftiger Pfeffernote, gehüllt in eine eher weiche, sehr feine, luftig-elastische Farce als „Haut“, ziseliert, sojasaucenglasiert und abgeflämmt. Erschien uns das insgesamt ein bisschen arg konstruiert, gefiel uns der Akkord aus klarem Entenaroma, einem fein-scharfen, säuerlichen Salat von Radicchio und Karotten sowie einer Sauce mit Kumquat und Kurkuma als aromatisches Tellergemälde sehr gut.
Ausgesprochen substanziell wurde es beim folgenden „Cassolette de Bretagne“ mit Meeresfrüchten, weißen Bohnen und Rauchpaprika, das Zander, Venus- und Jakobsmuscheln sowie Tintenfisch mit Mais, Bohnen und Zucchini in einem sahnig-tomatigen Sud von erneut feiner, Raue-typischer Schärfe verband, dem Liebstöckel und Orangen-Crumble eine zusätzliche Dimension verliehen. Und dem ein guter Schlag Crème fraîche (wenn nicht: double) zusätzliche Substanz gab. Ein Zwischengang als halbe Mahlzeit.
Ebenfalls eher auf der traditionellen Seite dann erwartungsgemäß „Steak frites“ – wenn auch in der etwas untypischen Edelvariante vom Rinderfilet: punktgenau gebraten, kross und rosig-rot wie gewünscht, von feinem Fleischgeschmack und perfekter Reife. Schulbuchmäßig die begleitenden Fritten mit einem Hauch Rosmarin in der Papiertüte. Erfreulicherweise nicht aus dem Syphon, wie es heute Mode ist: die Béarnaise, die für unseren Geschmack allenfalls ein wenig arg süß geraten war – wie übrigens auch die Vinaigrette des ebenfalls zum Fleisch servierten Mesclun-Salats.
Ein Thema, das auch die Desserts nicht gänzlich unberührt ließ: Unsere Crème brûlée mit Eis und Filetstückchen von Blutorangen war, was den cremigen Teil anging, exzellent gelungen, allerdings hätte der Zuckerkaramell-Deckel deutlich dünner sein dürfen. Dies alles sind jedoch Petitessen angesichts einer erfreulichen Gesamtleistung der Küche und der Tatsache, dass die Brasserie Colette ungeachtet aller Spar- und Abrüstungsmaßnahmen, die gegenwärtig in der Gastronomie auch in Berlin um sich greifen, weiterhin an jedem Tag der Woche mittags und abends geöffnet ist.
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