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| Mi-Sa ab 19 Uhr, So-Di Ruhetag |
| Hauptgerichte: 30-45 €, Menüs: 60-80 € |
In seiner über 400-jährigen Geschichte hat das Alte Pfarrhaus viel mitgemacht und war zwischenzeitlich schon vom Abriss bedroht. Seit dem Frühjahr 2025 wird das Hotel samt Restaurant neu belebt. Sven Niederbremer, der bereits in vielen guten Häusern und zuletzt in Selbstständigkeit in der Pfalz kochte, wo er es im Neustadter Zwockelsbrück ebenfalls locker auf 6 Pfannen brachte, bringt nun das kleine Bad Überkingen zurück auf die kulinarische Landkarte.
Kaum 30 Gäste finden im Restaurant des Fachwerkhauses Platz, das auch innen viel historischen Charme ausstrahlt. Das Menü ist äußerst gastfreundlich kalkuliert. Im Prinzip kann man es sich aus fast allen À-la-carte-Gerichten in drei, vier oder mit Käse fünf Gängen selbst zusammenstellen. Ebenso fair ist die Weinbegleitung, die an unserem Abend ausschließlich südafrikanisch war, denn Niederbremers Frau Priscilla, die sehr zuvorkommend den Service leitet, stammt von dort. Bei den Flaschenweinen gibt es aber auch eine ansprechende Auswahl mit großen Namen aus der Pfalz.
Mitgeprägt durch die Heimat seiner Frau und längere USA-Aufenthalte arbeitet der ursprünglich aus Norddeutschland stammende Koch gerne mit Grill- und Röstaromen, mit viel Würze und auch mal Schärfe. Dabei kommt in manchen Details das gute alte Handwerk zum Vorschein, wie zum Beispiel bei den drei Grüßen in Gestalt einer makellosen warmen Kalbsgalantine; parallel dazu im Brickteig gebackener Ziegenfrischkäse und eine Miniterrine mit Frischkäse, Tomate und Basilikum. Schon davor hatte es als herzhafte Einstimmung zu dampfend heißem Mini-Laugengebäck ein Schälchen Crème fraîche in Kräuteröl sowie eines mit kräftigem Baba Ganoush gegeben.
Der von uns gewählte erste Gang war dann gleich ein erster Höhepunkt. Ein ordentlich großes Röschen von kurz knackig gegartem und beherzt angegrilltem Blumenkohl schillerte in gelb-grün-braunen Tönen, denn auf ihm lag eine changierende Schicht aus Trüffel, Pfifferlingsstaub und Petersilienöl. Bildlich gesprochen ragte der Blumenkohl wie eine Insel aus einem Meer aus Beurre-blanc-Schaum mit Kieseln aus Alblinsen – geschmacklich betrachtet summierten sich die süßen Anklänge mit den erdigen der Edelpilzkomponenten sowie den kräuterigen Tönen zu einem sehr runden Wohlfühlgericht, in dem gelegentlich herbe Spitzen noch kleine reizvolle Akzente setzten.
Dass Sven Niederbremer beim Würzen die Regler gerne aufdreht, ohne aber zu übersteuern, machte sich auch im nächsten Gang bemerkbar. Hummer und Garnele des „Krustentier“ genannten Gerichts hatten durch das Grillen punktuell dunkel-krosse, aber eben nicht bittere und somit durchaus gewinnbringende Stellen. Im Inneren waren die Meerstiere noch schön glasig-saftig und lagen in einem eher sämigen Krustentierschaum, in dem sich auch Edamame und zwei superfluffige Estragon-Gnocchi tummelten. Zur gut ausgewogenen Würze gesellte sich hier zudem eine gewisse Schärfe, die den nussigen Tönen dennoch genug Raum ließ.
Ein ziemlicher Kracher war die „kleine Schweinerei“ genannte Trilogie aus Schwäbisch-Hällischem, Iberico und Bentheimer, die man schon fast als Gourmet-Schlachtplatte hätte bezeichnen können, und in der tatsächlich auch eine hausgemachte Würzwurst ihren Auftritt hatte. Dazu krosser Schweinebauch und – auf einem Extrateller unter einem 14 Monate gereiften Schinken liegend – eine Schweinskopfterrine mit einem etwas kleineren Riegel Fruchtgelee darauf. Passend zu dererlei köstlicher Deftigkeit gab es eine transparente Jus mit Senfkörnern sowie eine Senfcreme, und (für den Frischeausgleich wichtig!) gegrillten Stauden- und Knollensellerie sowie eine geschmorte Apfelscheibe.
Auch das Dessert war wuchtig und krachig, denn über ein cremiges Vanilleeis und eingelegte „gelbe Früchte“ wie Pfirsich, Aprikose und Nektarine wölbte sich ein dünner, knusprig karamellisierter Crêpe. Zur Frucht- und Vanillesüße kam noch etwas Säure durch eine versteckte Zitronencreme. Der Abschluss zeigte nochmal: hinsichtlich einer noch höheren Bewertung, die hier durchaus im Rahmen des Möglichen scheint, könnte man sich bei der einen oder anderen Kreation noch etwas mehr filigrane Moderne wünschen. Wir nehmen also als positiven Gesamteindruck mit, dass die Gerichte viel Schmackes, Charakter und eine individuelle Handschrift haben. Und vergeben für diese erste gelungene Momentaufnahme auf Anhieb 6 Pfannen!
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